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Nachtarbeit? Kein Problem!

Written by md

Der müde Arzt ist eine Gefahr für seine Patienten. Lüge! Sagen Anand Govindarajan und seine Mitautoren im New England Journal of Medicine.

Outcomes of Daytime Procedures Performed by Attending Surgeons after Night Work.
N Engl J Med. 2015 Aug 27;373(9):845-53

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Seit der Änderung des Arbeitszeitgesetzes gilt das eherne Recht: Bereitschaftsdienst ist Arbeitszeit. Dies ist aus Sicht des Arbeitnehmerschutzes wichtig. Häufig wird aber dafür gerne die Patientensicherheit mit heran gezogen. Der übernächtigte Arzt als Gesundheitsrisiko. Nicht nur für sich, auch für andere. Jenseits der naheliegenden Frage, ob es wohl der oder dem dank Kindern, Feten oder Liebeskummer übernächtigten Menschen anders geht, als dem „Arbeiter der Nacht“, ist die grundsätzliche Frage zu stellen: Stimmt das überhaupt?

Untersucht wurde retrospektiv alle Patienten in einer Zusammenführung von Datenbanken im Staat Ontario in Canada, die sich in der Zeit zwischen 01.01.2007 und 31.12.2011 einem von 11 geplanten Eingriffen unterzogen. Hierzu gehörten die Gallenentfernung, Magenbypass, Dickdarmentfernungen, Aorto-Coronare Bypass-OPs, Herzkatheteruntersuchungen mit Angioplastie, Knie-Ersatz OPs, Hüft-Ersat OPs, Schenkelhalsbruch Reparaturen, Gebärmutterentfernungen, Spinalkanal-OPs, Kraniotomien (Eröffnungen der Schädelgrube) und Lungenteilentfernungen.

Für die in den Datenbanken hinterlegten Operateure wurde nach Eingriffen in der Nacht davor (0:00 bis 7:00) gesucht und die Patienten in die Gruppen „übernächtigter Operateur“ und „nicht-übernächtigter Operateur“ eingeteilt und dann Paare in den Gruppen gebildet.

Die Gruppen unterschieden sich in Bezug auf bedeutsame Risikofaktoren nicht:

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Ergebnis:

Kein Unterschied in wichtigen Parametern der Patientensicherheit.

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Menschen, in diesem Fall Ärztinnen und Ärzte, sind offensichtlich in der Lage, verantwortlich mit den Ihnen übertragenen Aufgaben umzugehen, auch wenn Sie übernächtigt sind. Ein in der Diskussion erörtertes Faktum ist dabei sicherlich, dass Kolleginnen und Kollegen, die sich zu konzentrierter Tätigkeit nicht mehr in der Lage sahen, Eingriffe abgesagt oder an andere Kollegen übergeben haben dürften. Daten dazu waren den ausgewerteten Datenbanken nicht zu entnehmen.

Neu ist diese Erkenntnis zugegebener Maßen nicht. Viden hatte die gleichen Datenbanken schon 2013 ausgewertet, Rotschild 2009 gleiche Ergebnisse für das Brigham and Women’s Hospital in Boston dargestellt, Aronow 2015 das für Herzkatheteruntersuchungen berichtet.

 

Fazit:

Menschen sind nicht endlos belastbar, aber in der Lage ihre Belastbarkeit verantwortungsvoll einzuschätzen. Nachtarbeit an sich stellt keine Beeinträchtigung der Patientensicherheit dar.

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