Kurz vorgestellt: Prämedikation mit Tavor – Ruhe nur für den Anasthesisten?

Eine präoperative Gabe von Beruhigungsmitteln wird von vielen Patienten gewünscht und regelhaft praktiziert. Sie soll das Erleben von unangenehmen Situationen im Vorfeld der Narkose mildern und ganz nebenbei die benötigte Induktionsdosis des Hypnotikums reduzieren. Funktioniert aber nicht, sagen die PremedX Untersucher aus Frankreich.

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Effect of Sedative Premedication on Patient Experience After General Anesthesia
A Randomized Clinical Trial
JAMA. 2015 Mar 3;313(9):916-25

Angst ist eines der vorherrschenden Gefühle im Vorfeld einer Operation in Allgemeinanästhesie. Oftmals geht es dabei nicht um begründete Sorgen im Bezug auf spezifische Risiken, sondern die allgemeine Angst vor dem Kontrollverlust. Ausgehend von dieser Angst werden verschiedenste Erlebnisse im Kontext der OP retrospektiv als unangenehm erlebt. Die Zufriedenheit der Patienten mit dem gesamten Prozess resultiert dabei aus deren realen Erfahrungen im Verhältnis zu den vorherigen Erwartungen. Eine medikamentöse Prämedikation soll dabei Angst lindern und somit die Zufriedenheit durch weniger erinnerliche, unangenehme Erfahrungen erhöhen.

Ausgehend von der Universität Marseille und dem Programme Hospitalier de Recherche Clinique (PHRC) des französischen Gesundheitsministeriums wurden an 5 Krankenhäusern  in Marseille, Montpellier, Nimes und Nizza 1063 Patienten, die zur Elektiv-OP anstanden in die Studie eingeschlossen. Zugeteilt wurden jeweils 354 Patienten in die Gruppen

  1. Prämedikation mit 2,5mg Lorazepam (z.B. Tavor)
  2. Placebo
  3. keine Prämedikation

 

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Die postoperative Erholung wurde mit der Postoperative Quality of Recovery Scale (PQRS) bestimmt, die Zufriedenheit mit den eigens für die Studie entwickelten und validierten “Evaluation du Vécu de l’Anesthésie Generale” (EVAN-G) und “Evaluation du Vécu de l’Anesthésie Loco Régionale” (EVAN-R) Skalen erfragt. Zudem wurde mittels der Amsterdam Preoperative Anxiety and Information Scale (APAIS) die präoperative Angst erfragt, um besonders ängstliche Patienten als Subgruppe einzeln betrachten zu können.

 

Ergebnisse:

Die Erholung in der kognitiven Dimension erfolgte unter Lorazepam Prämedikation relevant langsamer als ohne Prämedikation.

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Weitere Unterschiede ergaben sich in

  • der Aufregung bei Ankunft im OP (vermehrt nur unter Placebo, erstaunlicher Weise nicht bei Weglassen jeglicher Gabe),
  • bei der Dauer bis zur Extubation (gering verlängert unter Lorazepam),
  • den Schmerzen direkt postoperativ (geringer bei Lorazepam) und
  • der Schlafqualität in der Nacht nach der OP (schlechter nach Lorazepam)

 

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Die Patientenzufriedenheit war hingegen weder in den Gesamtwerten noch den Einzeldimensionen unterschiedlich.

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Erst durch eine Subgruppenanalyse der besonders ängstlichen Patienten (APAIS-Score >=11) zeigten sich Unterschiede zwischen den Gruppen. Bei den besonders ängstlichen Patienten war die Gesamtzufriedenheit zwischen den Gruppen gleich.

Ängstliche Patienten mit Lorazepam fühlten sich weniger aufmerksam behandelt (Attention), hatten aber auch subjektiv weniger Schmerzen. Letzteres genauso wie die Patienten, die ein Placebo bekommen hatten (noch etwas bessere Werte),

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Fazit:

Die präoperative Gabe von Lorazepam ist mit verzögerter Extubation, langsamerer Kognitiver Erholung aber keiner Verbesserung der Patientenzufriedenheit verbunden.

Wurde statt Lorazepam ein Plazebo gegeben, wurden die Negativeffekte vermieden,  das Gefühlt der Aufmerksamkeit positiv, die Schmerzempfindung aber negativ beeinflusst. Die geringsten subjektiven Schmerzen hatten Patienten, die gar keine Tablette bekamen.

Einem Patienten die Angst zu nehmen ist auch weiterhin Aufgabe des betreuenden Teams, und kann nicht an die pharmazeutische Industrie delegiert werden. Wieder zählt der „Human Factor“.