Kurz vorgestellt: Altes Blut – nicht annähernd so schlecht wie sein Ruf

Charlize Theron (*07.08.1975) sagt: „Sex-Appeal kommt mit dem Alter“. Das genaue Gegenteil wird von Blutkonserven behauptet. Ihnen wird nachgesagt mit steigendem Alter eher zu „vergammeln“. Mit angeblich negativen Folgen für die Empfänger.
Falsch“ sagen Lacroix et al.
Age of Transfused Blood in Critically Ill Adults

N Engl J Med. 2015 Apr 9;372(15)

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In der Bundesrepublik ist der Umgang mit Blutprodukten gesetzlich geregelt. Grund sind die Erfahrungen um die Übertragung von HIV über Blutprodukte aufgrund krimineller Machenschaften der Hersteller, in deren Folge zunächst 1994 zähneknirschend das Bundesgesundheitsamt durch den damaligen Bundesgesundheitsminister Seehofer aufgelöst und schon 4 Jahre später, am 1. Juli 1998, das Transfusionsgesetzt verkündet wurde. Eine bedrückende Darstellung der damaligen Machenschaften, an denen, unter anderem, auch das Rote Kreuz beteiligt war, findet sich in dem mittlererweile vergriffenen Buch von Egmont Koch „Böses Blut. Die Geschichte eines Medizin-Skandals„, sowie in dem ZDF-Fernsehfilm Blutgelt aus dem Jahr 2013.

Im Transfusionsgesetz wird die Bundesärztekammer aufgefordert den medizinisch-inhaltlichen Teil (§ 18 Stand der medizinischen Wissenschaft und Technik zur Anwendung von Blutprodukten) in Form von Richlinien zu füllen.

Wie die Querschnitts-Leitlinien der Bundesärztekammer zur Therapie mit Blutkomponenten und Plasmaderivaten ausführen, leben Erythrocyten rund 110 bis 120 Tage. Da in einer Konserve Zellen aller Alterstypen vorhanden sind ist von einer mittleren Lebensdauer von 55-60 Tagen zu rechnen. Die Haltbarkeit wird durch den Hersteller bestimmt, auf der Konserve dokumentiert und liegt bei leukocytendepletierten Erytrhocytenkonzentraten (EK) bei rund 7 Wochen.

Jenseits der reinen Haltbarkeit verändern sich die Erythrocyten unter der Lagerung deutlich. Zu diesen Veränderungen gehören unter anderem ein morphologischer Formwandel (z.B. Auftreten von Kugelzellen und Stechapfelformen), funktionelle Beeinträchtigungen (z.B. Abnahme des 2,3-Diphosphoglycerat (2,3-DPG)-Gehalts mit Linksverschiebung der Sauerstoffdissoziationskurve), Verlust der Verformbarkeit der Erythrozyten, Zunahme der Laktatkonzentration, Freisetzung von Inhaltsstoffen (z.B. Kalium, Laktatdehydrogenase, Hämoglobin) und Abnahme des S-Nitrosohämoglobins der Erythrozyten. Die lagerungsbedingten Veränderungen der Erythrozyten sind zum Teil in vivo innerhalb von 48–72 Stunden nach Transfusion reversibel.

Für kardiochirurgische Patienten gibt es relativ robuste Daten, das die Verwendunge von 20 Tage alten EK im Gegensatz zu nur 11 Tage alten Konzentraten mit einer Steigerung der Sterblichkeit von 7,4% auf 11% einhergeht.

Eine Metaanalyse der vorangegangenen Daten stellte diesen Zusammenhang 2012 für alle Transfundierten dar, Daten die zum Einen in anderen Untersuchungen nicht standhielten, zum Anderen bei insgesamt 22 Studien 6 Studien bei herzchirurgischen und 6 Studien an Traumapatienten enthielt.

 

Die hier vorgestellte Studie schloss 2430 Patienten (1211 in der „fresh blood“, 1219 in der „standard blood“ Gruppe) ein und wurde an 64 Zentren in Europa und Kanada durchgeführt. Schwerpunktmäßig wurden mit rund 70% internistischer Patienten eingeschlossen.

Multizentrisch, randomisiert und verblindet wurden frische EK (Alter <8Tage) mit Standard-EK (Mittleres Alter 22 Tage) verglichen. Es kamen nur leukozytendepletierte EK zu Anwendung, und das Regime war bei einem durchschnittlichen Transfusions-Hb von rund 7,6 mg/dl als eher restriktiv anzusehen.

Das Ergebnis:

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Kein signifikanter Unterschied in Überleben und anderen primären oder sekundären Endpunkten.

Diese Untersuchung bestätigt den „Trend“, das neuere Daten den deutlichen Einfluss der Lagerung auf das Überleben nicht bestätigen können. Dies kann an der leukozytendepletion, am veränderten Transfusionsregime oder am Patientenkollektiv, mit Unterschieden für internistisch und traumatologisch/chirurgische Krankheitsbilder liegen.

 

Fazit:

Das düstere Bild alternder Erythrocyten lässt sich heute nicht mehr uneingeschränkt aufrecht erhalten. Die 2014 frisch überarbeiteten Querschnitts-Leitlinien der BÄK liegen hier richtig, wenn sie lediglich für Früh- und Neugeborene unter bestimmten Bedingungen frische EK empfeheln (Grad 1C) und für alle anderen Patienten von einer solchen generellen Selektion abraten  (ebenfalls Grad 1C).