Kurz vorgestellt: Tourniquets beim Boston Marathon

3 Tote, 264 Verletzte. Das Fazit des Wahnsinns der Brüder Zarnajew. Wir können daraus lernen, das Erkenntnisse aus der „militärischen Medizin“ ihren Weg in den zivilen Bereich noch nicht ausreichend gefunden haben.Boston Marathon Explosions
Tourniquet use at the Boston Marathon bombing: Lost in translation
J Trauma Acute Care Surg; Volume 78, Number 3

The Boston Trauma Collaborative ist ein Netzwerk, das im Nachgang der Ereignisse vom 15. April 2013 eingerichtet wurde. In der Datenbank aller Level 1 Trauma Zentren Bostons wurden alle in diesen Zentren behandelten Verletzten des Anschlages erfasst.

243 der offiziell 264 Verletzen finden sich darin wieder.

Die meisten Verletzten wiesen, der Bauart der mit Kugellager-Kugel, Nägeln und Schwarzpulver gefüllten Druckkochtopf-Sprengsätze entsprechend, Verletzungen insbesondere der unteren Extremität auf.

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Es wurden bei 15 Patienten traumatische Amputationen der unteren Extremität(en) beobachtet, sowie weitere 10 mit ausgedehnter Weichteilverletzung und Beteiligung der großen Beingefäße.

Lebensbedrohliche Extremitätenverletzungen sollten durch Unterbrechung der arteriellen Blutzufuhr durch Abbinden (Tourniquet) behandelt werden. Eine Methode, die so schon aus der Kriegsmedizin der Antike berichtet wird, und sich durch das gesamte „dunkle Mittelalter“ als Therapieform in Europa erhielt.

Meistverbeitet ist das Combat Application Tourniquet (CAT). Die Anwendung eines CAT wird in YouTube Videos erläutert.

Von den insgesamt 66 Patienten mit Extremitätenverletzung wurden 29 (44%) als „aufgrund der Verletzung vom Verbluten bedroht“ beurteilt (life-threatening exsanguination). Laut Datenbank sind insgesamt 27 Tourniquets zur Anwendung gebracht worden (teils mehrere bei einem Patienten), alle davon im provisiert.

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94% der traumatisch amputierten Extremitäten waren durch ein solches versorgt, jedoch nur 42% der lebensbedrohlichen Blutungen aufgrund von Gefäßverletzungen. Das Problem der improvisierten Tourniquets ist die häufig unzureichende, rein venös-unterbindende Kompression mit paradoxer (arterieller) Blutung.

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Im beschreibenen Szenario ist es zu keinen Todesfällen dadurch gekommen, jedoch ist das vollständige Fehlen eines lebensrettenden Medizinproduktes beachtenswert. Eine mittlere Transportzeit von 24 +/- 17 Minuten im Zentrum einer Millionen-Metropole mag ebenfalls dazu beigetragen haben.

 

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Ein Bericht über die Folgen.

Fazit:

Die Autoren schließen mit der Feststellung, das ein im  militärischen Bereich in Kriesengebieten regelhaft angewandtes System seinen Weg in dern zivilen Bereich (ins „Homeland“) nicht gefunden hat, auf dem Weg der Übersetzung verloren gegangen sein muss…

Das Anlegen eines Tourniquet ist eine einfache und schnelle Maßnahme, die in der strukturierten Traumaversorgung als Erstmaßnahme noch vor dem strukturierten ABCD eine weitergehende Schädigung des Patienten verhindern kann und muss.

2 Gedanken zu „Kurz vorgestellt: Tourniquets beim Boston Marathon

  • 2015-03-12 um 10:13
    Permalink

    Mark Hübschmann schreibt auf Facebook:

    Massive Blutung = CABC, klar. Bei einem MANV wie im Beispiel ist das Tourniquet denke ich auch Mittel der Wahl. Sind in der Einzelversorgung aber nicht weniger drastische Maßnahmen zu bevorzugen? Vielleicht noch erwähnenswert und zu ergänzen.

    • 2015-03-12 um 10:14
      Permalink

      Salut Mark Hübschmann,

      vielen Dank für Deinen Hinweis auf die weniger drastischen Maßnahmen.
      Du hast völlig Recht, das nicht auf jede Extremitätenverletzung ein Tourniquet gehört. Der Küchenmesserschnitt kommt sicher auch mit deutlich weniger aus . Entscheidend ist dabei aber weniger die Versorgungsdichte (Dein Beispiel vom MANV), als vielmehr die Verletzungsart.

      Die S3-Leitlinie der DGU formuliert hierzu:
      „Schlüsselempfehlung:
      Aktive Blutungen (der Extremitäten – Anm.d.Verf.) sollten gemäß einem Stufenschema behandelt werden:
      -Manuelle Kompression/Druckverband
      -(Hochlagerung)
      -Tourniquet
      GoR B

      Indikationen für einen sofortigen Gebrauch des Tourniquet/der Blutsperre können sein:
      -Lebensgefährliche Blutung/Multiple Blutungsquellen an einer Extremität
      -Keine Erreichbarkeit der eigentlichen Verletzung
      -Mehrere Verletzte mit Blutungen
      GoR 0“

      An diesem letzten Punkt taucht dann der MANV wieder auf.
      Deine Einwilligung voraussetzend füge ich den Dialog in die Kommentare auf dem Blog ein.
      Lg.
      M.

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