Fallbericht: Lungenödem beim Bodybuilder oder „das Müller-Manöver“

Ein junger, gut trainierter Mann unterzieht sich einem Routineeingriff in Intubationsnarkose. Die Ausleitung verläuft etwas angespannt, er beisst unter eingesetzter Atmung auf den Tubus, verlegt sich so den Atemweg und ringt nach Luft. Im Aufwachraum fällt er mit Luftnot, Sättigungsminderung und feuchten Rasselgeräuschen auf.

bodybuilder

Das Müller-Manöver beschreibt die forcierte Einatmung bei geschlossener Glottis nach maximaler Expiration und ist das Gegenstück zum Valsalva-Manöver. Als Manöver wird es zeitweilig von HNO-Ärzten in der Diagnostik des Schlaf-Apnoe Syndroms eingesetzt. Das ist aber uninteressant und hat nichts mit unserem Fall zu tun….

 

Unser Bodybuilder wird auf die Intensivstation gebracht und bekommt einen Röntgenthorax.

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Das ausgeprägte, wolkige Lungenödem ähnelt einem ARDS.

Diuretika? Ist ja immer die erste Reaktion wenn es um „Flüssigkeit“ und „zu viel“ geht, aber hier ebenso wie zumeist sonst, wenn nicht die Niere mit im Spiel ist, keine gute Idee.

Was ist passiert?
Understanding negative pressure pulmonary edema
Intensive Care Med (2014) 40:1140–1143

In dieser aktuellen Zusammenfassung von Lemyze und Mallat wird die Pathophysiologie eindrücklich beschrieben. Jenseits der im regelhaften Atmen erzielten negativen Drücke im Pleuraspalt von -5 bis -30 cmH2O werden durch gesunde, insbesondere kräftige und trainierte Menschen bei der forcierten Inspiration gegen einen geschlossenem Atemweg Drücke von bis zu -140 cm H2O erzielt. Hierunter kommt es zu einem massiven hydrostatischen Druck gegen die alveolo-kapillare Membran und zu einem Zerreissen.

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Ob es sich bei dieser Membran jedoch um, wie in der Grafik impliziert, die Baselmembran der Endothelschicht, oder um ein abscheren der pulmonal-kapillären Glykokalix handelt, ist wissenschaftlich nicht abschließend untersucht.

Was ist nun die notwendige Therapie?

Ein bisschen analog dem Lungenödem ist es POND.

Pressure

Oxygen

Nitrates

Diuretics

Ein bisschen, denn „N“ und „D“ können wir links liegen lassen. CPAP Maske mit einem PEEP von mindestens 5 cmH2O und diesen langsam steigern, bis eine Sättigung von mehr als 90% erreicht ist und den Rest (bis >95%) mit der fiO2 regeln.

Das scheint keine Lösung für eine längere Zeit zu sein. Muss es aber auch nicht. Den Clou des Unterdrucklungenödems haben wir nämlich bisher verschwiegen:

Morgen ist alles wieder weg!

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Nach 12-24 Stunden ist der Spuk vorbei, die Membran wieder aktiv, das Wasser rückresorbiert und der Patient kann von der Intensivstation nach Hause entlassen werden.

 

Fazit:

Das Unterdrucklungenödem ist eine erstaunlich häufige Erkrankung unterschiedlicher Schwere, die nach forcierter Inspiration gegen einen geschlossen Atemweg entsteht. Die Therapie besteht in CPAP Atemunterstützung zum Überbrücken und sie heilt spontan innerhalb weniger Stunden aus.