Kurz vorgestellt: Schick den Kardiologen zum Kongress

An den Tagen der großen kardiologischen Kongresse (AHA, ACC) sinkt bei Hochrisikopatienten in den Vereinigten Staaten an Lehrkrankenhäusern die Sterblichkeit nach Herzstillständen und am schweren Herzversagen deutlich. Die Sterblichkeit des Herzinfarktes bleibt unverändert, obwohl seltener Katheterisiert wird. An nicht-Lehrkrankenhäusern ändert sich nichts…

KEN JENKINS

Mortality and Treatment Patterns Among Patients Hospitalized With Acute Cardiovascular Conditions During Dates of National Cardiology Meetings

Anupam B. Jena, MD, PhD; Vinay Prasad, MD; Dana P. Goldman, PhD; John Romley, PhD

JAMA Intern Med. doi:10.1001/jamainternmed.2014.6781

 

An den Jahreskongressen der AmericanHeartAssociation (AHA) und des American College of Cardiology (ACC) nehmen jeweils zwischen 13.000 und 19.000 Ärztinnen und Ärzte teil. In dieser Zeit geht die Patientenversorgung in ihren Heimatkrankenhäusern weiter. Der Frage, ob mit einer so umfassenden Verlagerung von akademischem Personal eine Minderung der Versorgungsqualität einhergeht, gingen Jena et al. in der hier vorgestellten Studie nach.

Wenn etwas ordentlich, gründlich, gewissenhaft, gut dokumentiert und gemäß dem vorliegenden Standards erledigt werden soll, dann darf man da keinen Akademiker dran lassen…

Soweit die Polemik.

 

In ihrer Datenbank Recherche einer Krankenkassen (Medicare) Datenbank untersuchten Jena et al. retrospektiv die Mortalitätsraten für drei Leitdiagnosen (Herzstillstand, Herzinfarkt, schwere Herzinsuffizienz) im Vergleich zwischen Kongress- und nicht-Kongress-Tagen, sowie im Vergleich zwischen Lehrkrankenhäusern und nicht-Lehrkrankenhäusern.

Die Ergebnisse:

Während sich in den nicht-Lehrkrankenhäusern nichts ändert sinkt an Lehrkrankenhäusern die Mortalität für die Herzinsuffizienz und den Herzstillstand signifikant ab. Für den Infarkt sinkt die PCI-Rate, ohne jedoch Auswirkungen auf die Sterblichkeit zu haben.

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Andere Interventionen zeigten keine Unterschiede.

CardInt

In der Überprüfung der Datenzuverlässigkeit wurde kein Einfluss von Kongresstagen der gastroenterologischen, orthopädischen oder onkologischen Fachgesellschaften auf die genannten Diagnosen festgestellt, ebenso wie die kardiologischen Kongresse keinen Einfluss auf die Sterblichkeit der Diagnosen gastrointestinale Blutung und Hüftfraktur hatten.

 

In der Diskussion werden verschiedene Erklärungsmuster diskutiert. Von der unterschiedlichen Mentalität von Kongress-fahrenden und nicht-Kongress-fahrenden Kardiologen, über die Möglichkeit des im „Normalbetriebes“ vorherrschenden zu häufigen Einsatzes von Interventionen mit ungünstigem Nutzen-Risiko-Verhältnis (less-is-more), bis dahin, dass an Kongresstagen weniger Patienten regelhaft einbestellt werden und somit vorhandene Kapazitäten den Notfallpatienten zu Gute kommen.

Nicht diskutiert wird der Hierarchiegradient  als mögliche Ursache. Ist das Gefälle in der Entscheidungsfindung und Kommunikation zwischen Leitung und Mitarbeitern zu steil, gehen Informationen verloren, Beiträge werden nicht geäußert oder wahrgenommen, Maßnahmen bis zur Bestätigung durch die Autorität verzögert oder verworfen, Risiken nicht erkannt oder falsch bewertet und die Entscheidungen insbesondere in komplexen Arbeitswelten werden schlechter… für die Patienten.

 

Fazit:

Weniger ist mehr gilt zumindest für die großen kardiologischen Abteilungen von Lehrkrankenhäusern der Vereinigten Staaten. Von Kommunikationskultur bis zur Trennung von Kliniker, Forscher und Referatsreisendem implizieren die Daten vielerlei Hinweise unsere eigene Tätigkeit zu hinterfragen.