Luft anhalten – Alter Hut in neuen Schläuchen

Apnoische Oxygenierung, oder auch „diffusion respiration“ ist ein 1944 erstbeschriebener physiologische „Trick“. Neu benannt und technisch als THRIVE-System umgesetzt stellt ein Artikel in „Anaesthesia“ es nochmals vor.

Transnasal Humidified Rapid-Insufflation Ventilatory Exchange (THRIVE): a physiological method of increasing apnoea time in patients with difficult airways. Patel, Nouraei. Anaesthesia 2014. doi: 10.1111/anae.12923. [Epub ahead of print

 

1944 publizierten Draper, Whitehead und Spencer in Anesthesiology  eine Arbeit, in der sie anästhesierte Hunde nahezu 60 Minuten ohne Atembewegungen am Leben erhalten konnten. Sie nannten diesen Effekt „diffusion respiration“. Synonym finden sich „apnoeische Oxygenierung“ oder „aventilatory mass flow“ (AVMF)

Voraussetzungen:

  • Reiner Sauerstoff als Umgebungsatmosphäre
  • Offener Atemweg

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Das Prinzip ist simpel:

Dem respiratorischen Quotienten folgend wird weniger Kohlendioxid in die Lunge abgegeben als Sauerstoff aufgenommen wird. Ein Effekt der beim Luftanhalten an sich selbst erfahren werden kann. Nach einer Weile scheint in der Lunge ein Unterdruck zu entstehen. Das Öffnen der Glottis führt zu einem Einatemzug (obwohl man doch am Anfang schon so tief eingeatmet hatte wie es ging…).

Anästhesisten nutzen diesen Effekt insbesonder bei Operationen im Bereich der Luftröhre. Erzeugt man durch überströmen des OP-Gebietes zum Beispiel bei einer Kehlkopfentfernung eine Sauerstoffatmosphäre, so hat der Operateur auch ohne gesicherten Atemweg längere Zeit zum Nähen. Nur Koagulieren, da sollte man vorsichtig sein 🙂

 

Für die Narkoseeinleitung hat der FOAM-Gott Scott Weingart (der Mann hinter dem EMCrit-Blog) in seinem Blog und als Artikel Prozeduren vorgestellt, mit denen insbesondere kritische Patienten mit komplexem Atemweg oder anderen Risiken für eine Deoxygenierung sicher bis zur definitiven Atemwegsversorgung gebracht werden können.

Kern aller Maßnahmen: Kontinuierlicher Sauerstoff-Fluß in den oberen Atemweg. Durch Nasenbrillen, Masken, was auch immer. Und Offenhalten der Alveolen durch CPAP, wenn möglich.

Nicht nur die Physiologie der Methode ist neu seit den 50ern, auch ihre Anwendung bei Intubationsbemühungen.

 

Was ist nun THRIVE???

 

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Mithilfe einer solchen Nasenmaske mit Luftanfeuchtung (Transnasal Humidified Rapid-Insufflation Ventilatory Exchange) mit einem Fluss von 70l O2 /min wurden die Patienten präoxygeniert und nach Einleitung durch „jaw thrust“ (Esmarch-Handgriff) der pulmonal gerichtete Sauerstofffluss aufrecht erhalten.

Die mittlere Apnoe Zeit war 14 Minuten.

Eine Viertelstunde, mit einem Bereich von 5 bis 65 Minuten.

Die niedrigste gemessene Sättigung war 90%. Die CO2 Werte am Ende des Manövers lagen zwischen 37 und 115 mmHg (umgerechnet).

 

Bis zu 65 Minuten Apnoe-Zeit wurden im Rahmen eines Intubationsversuches durch Maßnahmen der apnoeischen Oxygenierung ohne Gefährdung für Patienten toleriert. Im Gegenteil, im Mittel stieg die Sättigung mit der Anwendungsdauer sogar an.

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Fazit:

Ein Sättigungsabfall im Rahmen von Intubationsversuchen stellt ein Fehlen heilkundlicher Kunst dar. Wie man es anstellt ist egal, aber Sauerstoff gehört in den Rachen des Patienten. Altes Wissen, neu bedacht.

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