Antibiose und Gnadengesuch – alles eine Frage der Pausen

Entscheidungsmüdigkeit (decision fatigue) ist ein Aspekt der mentalen Erschöpfung (Ego-Depletion). Eine Studie untersucht die Häufigkeit der Verschreibung von Antibiotika in Abhängigkeit von der Tageszeit und zeigt: Ärzte sind nicht besser als Richter.

Time of Day and the Decision to Prescribe Antibiotics. Lindner et alJAMA Intern Med. 2014 Oct 6. 

In einer Datenbankanalyse verknüpften die Autoren Daten zur Diagnose, verschriebenen Antibiose, Vorerkrankungen, Patienteneigenschaften und Besuchszeitpunkt von Arztpraxen und gingen der These nach, das mit zunehmender mentaler Erschöpfung im Tagesverlauf die Häufigkeit ggf. ungerechtfertigter, aber „zur Sicherheit“ angeordneter Antibiosen zunähme.

ABdaytime

Und das taten sie offensichtlich. Die Indikation zeigt sich als Element der Willkür, der Entscheidungsträger als Puppe an den Fäden seiner eigenen biologischen Limitationen. Die Studie zeigt beeindruckende Ähnlichkeit zu einer Untersuchung bei israelischen Richtern, die Haftentlassungsanträge bearbeiteten. Nicht Ethnie, Straftat, Vorstrafen oder Bürgschaften bestimmten die Entlassungsentscheidung, es war die Zeit seit der letzten Pause.

PNAS

Nobelpreisträger Daniel Kahnemann klagt uns in seinem Meilensteinwerk Thinking, Fast and Slow an und nimmt uns dabei in Schutz. In mentaler Erschöpfung sind wir zu  objektiver, aufwändiger, rationaler Entscheidung nicht mehr in der Lage und fallen auf kognitive Reflexe unserer archaischen Intuition zurück. Faktor Mensch lehnt sich an das Kapazitäten-Modell nach Richter an und formuliert mit dem schönen Bild der „grünen Kügelchen“.

In Ruhe sind wir noch voll davon und in der Lage unser Potential voll zu nutzen und noch andere zu unterstützen. Streit, Hunger, Müdigkeit, Frustration, Entscheidungen, Lärm, Sorge, Druck, Sinnlose Tätigkeit entleeren unsere Speicher, machen aus grünen Kugeln rote Kugeln und aus uns reizbare Diven, ohne Umsicht und ohne die Fähigkeit bewusst sinnvoll Wahrzunehmen und gute Entscheidungen zu treffen. Bis hin zum „Durchzünden“, wenn wir abschließend Halt und Kontrolle verlieren.

Zwischen den Extremen spielt sich leise und subtil jeden Tag in uns eine mentale Depletion ab, die unsere Entscheidungen schlechter werden lässt. Egal ob Schuhputzer, Richter oder Arzt. Egal ob wir darum wissen oder nicht.

 

Fazit:

Macht Pausen, geht Essen, seid kritisch mit Euch selbst und teilt anderen mit, wenn ihr keine gute Arbeit mehr leisten könnt. Wer keine Pausen macht ist töricht und riskiert seine Sicherheit und die seines Teams.

Das größte Potential ist sinnlos, wenn es nicht in Leistung (Performance) umgesetzt werden kann.

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