Anästhesie Intensivmedizin

Chips und Erdbeeren – Niemand braucht NaCl

Written by md

Jeder Dialysepatient bekommt traditionell eine NaCl0,9%-Infusion angehängt. Wegen dem Kalium (rheinisch zu intonieren).

Macht das Sinn?

Vorab: einen Dank ans Team vom DGINA-Blog und Prof. Dr. Michale Christ.

In ihrem Beitrag http://dgina.de/blog/2014/09/10/vollbalancierte-elektrolytloesungen-auch-beim-hyperkaliaemischen-patienten-ja/

gehen sie auf ein Thema ein, dass mir schon lange unter den Nägeln brennt.

 

Die Rationale: Bei fehlender Kalium-Exkretion über die Niere ist (ein Teil) der Dialysepatienten auf eine strenge Kaliumdiät angewiesen. Eine iatrogene Hyperkaliämie könnte lebensbedrohliche Folgen haben.

 

Aber über welche Mengen reden wir eigentlich?

Rund 170g Kalium stecken im Durchschnittsmenschen, rund 98% davon intrazellulär. In der Blutbahhn finden wir beim Dialysepatienten Kaliumwerte von um die 5 mmol/l. Ein 80kg schwerer Mann hat bei einem Blutvolumen von rund 6,4 Litern also rund 32 mmol Kalium im Blut. Bei der Molmasse von 39 g/mol entspricht das 1,25g Kalium, sprich 0,7% der Gesamtmenge.

Im Rahmen der Homöostase bedeutet dies:

Um den Kaliumgehalt im Blut eines 80kg Patienten um 1 mmol/l zu steigern brauchen wir:

  • 6,4 Liter x 1 mmol = 6,4 mmol
  • 0,7% intravasal heißt 99,3% extravasal ->     6,4 / 0,7 * 100 = 914 mmol Gesamtzufuhr
  • entspricht bei 39 g/mol einer Gesamtmenge von rund 35 g Kalium
  • selbst wenn wir annähmen, alles extrazelluläre Kalium fiele uns „auf die Füße“ (also 2%) kommen wir zu einer Ingestionsmenge von 12,48 g Kalium

 

Da habe ich ehrlich gesagt vor pH-Wert Änderungen größere Angst. Liegt der Blutkaliumwert beim pH von 7,4 noch bei rund 4 mmol/l verschiebt er sich beim pH-Wert von 7,1 auch beim Normalsterblichen auf rund 6 mmol/l! (Gut zu lesen hier)

Real wird dem Dialysepatienten empfohlen pro Tag 1 – 2 g Kaliumaufnahme nicht zu überschreiten (allerdings auch nicht zu unterschreiten). 2 g Kalium sind z.B. in 5 Bananen, oder ca. 1kg Erdbeeren (rd. 50 Stck. bei 20g/Stck.).

Tagesdosis, empfohlene Tagesdosis.

Beim Dialysepatienten.

 

Zurück zu unseren Infusionen… was heißt das denn jetzt genau?

1000 ml Sterofundin iso enthalten z.B. 156 mg Kalium.

156 mg sind 0,156 g. Das entspricht in etwa dem Kaliumgehalt von 4 Erdbeeren. In einem Liter Sterofundin.

Tagesbedarf wäre für unseren Dialysepatienten also knapp 13 Liter Sterofundin. Zur Bedarfsdeckung. Dann dürfte er aber nichts mehr dazu essen.

 

Und was ist jetzt an NaCl so schlecht, das ich mich hier lustig mache? Also außer renaler Vasokonstriktion und hyperchlorämer Azidose (macht die eigentlich auch eine Hyperkaliämie?)

Ein Liter NaCl enthält exakt 9 g Kochsalz (0,9 g/dl eben), entsprechend 3,5 g Natrium. Ein Salzhering hat knapp 6 g davon, Kartoffelchips (bei 450 mg Na/100g) braucht man da fast 800 g.

Und:

Bei uns habt ihr es zuerst gehört:

Die aktuelle S3-Leitlinie „Intravasale Volumentherapie beim Erwachsenen“
gibt eine Grad „A“ Empfehlung ab:

Isotone Kochsalzlösung soll zum peri-interventionellen Volumenersatz nicht
verwendet werden.

Isotone Kochsalzlösung soll zum Volumenersatz in der Intensivmedizin nicht
verwendet werden.

 

Fazit:

Sie planen einen Liter Infusionstherapie. Entscheiden Sie sich:

4 Tüten Chips (NaCl 0,9%) oder 4 Erdbeeren (Balacierte Lösung)

Sie haben die Wahl.

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Bitte? Achso, schon wenig ist zu viel?

Na, dann lassen sie doch die zweiten 500 ml Infusion weg. Macht eh nur die Glykokalix kaputt 🙂

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md

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